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Der Workshop »Das umstrittene Gedächtnis« und der Erinnerungsort Stiklestad

Im Juni vergangenen Jahres veranstalte der Lehrstuhl von Prof. Arnd Bauerkämper an der Freien Universität Berlin den Workshop »Das umstrittene Gedächtnis – Transnationale und innergesellschaftliche Erinnerungskonflikte in Europa nach 1945«. Während des zweitägigen Seminars sprachen 15 Referenten zu verschiedenen Themen der vergleichenden Erinnerungsforschung, die sich insbesondere dem Wettstreit verschiedener Geschichtsdeutungen und der daraus resultierender Diskurse und Akteuren widmete. Als Ausgangspunkt diente das Fallbeispiel Norwegen, wobei im späteren Verlauf auch Beispiele aus anderen europäischen Ländern (u.a. Italien, Luxemburg, Estland und der Slowakei) vorgestellt wurden. Das Themenspektrum reichte von methodischen Aspekten der vergleichenden historischen Forschung über Überblicksdarstellungen der norwegischen Erinnerungsgeschichte bis zur Vorstellung einzelner Akteure und Fallbeispiele aus ganz Europa.

Foto: Stiklestad Nasjonale Kultursenter

Rückblickend blieben mir vor allem die Vorträge zu konkreten Nachkriegsdebatten in Erinnerung. Exemplarisch möchte ich den Beitrag Tor Einar Fagerlands (NTNU Trondheim) über den mehrschichtigen Erinnerungsort Stiklestad in Nord-Trøndelag, Norwegen herausgreifen. Noch 1944 ließ die norwegische Nasjonal Sämling das vorhandene Monument durch eine neue Stele (siehe Foto) ersetzen. Ihr Ziel war es, die Erinnerung an die Schlacht von Stiklestad 1030 für ihre nationalsozialistische Propaganda zu nutzen. Das neue Denkmal sollte eine direkte Linie von Quislings Anhängern zum norwegischen Nationalheiligen Olav und seinem Kampf für die Christianisierung und Reichswerdung Norwegens ziehen. Noch in den Maitagen 1945 wurde die Stele niedergerissen und an gleicher Stelle – wie symbolisch – begraben. Der Versuch einer norwegischen Forschergruppe aus Trondheim diese Stele in den letzten Jahren zu bergen und diesen Teil der norwegischen Geschichte zu thematisieren, blieb aufgrund des Widerstands lokaler Bürger und Politiker erfolglos. Stiklestad steht damit exemplarisch für einen weißen Fleck in der Aufarbeitung der norwegischen Geschichte zwischen 1940 und 1945. Schließlich ging die Initative und Durchführung von den norwegischen Nationalsozialisten unter Vidkun Quisling aus. Die deutschen Besatzer waren im Fall Stiklestads nur wohlwollende Zuschauer. Aus diesem Grund stellt der Erinnerungsort Stiklestad unbequeme Fragen zur eigenen Verantwortung und Taten der Norweger während des Zweiten Weltkrieges. Die lange aufrecht gehaltene Überzeugung einer homogenen norwegischen Gesellschaft während des Kriegs erhält durch die Beschäftigung mit der Geschichte des Erinnerungsortes Stiklestad weitere Risse. Tor Einar Fagerland hat noch im gleichen Jahr einen Aufsatz zu dieser Thematik veröffentlicht. (1)

Ein umfassender Bericht zum Workshop »Das umstrittene Gedächtnis« wurde auf H-Soz-Kult veröffentlicht. Außerdem berichtete der Tagesspiegel mit einiger Verspätung über die Veranstaltung.

Für die zweite Jahreshälfte 2012 ist bereits eine weitere Tagung im Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt in Planung. Der Call for Papers und das endgültige Programm werden selbstverständlich an gleicher Stelle gepostet.

Frohe Ostern.

(1) Fagerland, Tor Einar/ Nilssen, Trond Risto: The Norwegian Fascist Monument at Stiklestad 1944-45, in: Bjerg, Helle, et al. (Hrsg.): Historicizing the Uses of the Past – Scandinavian Perspectives on History Culture, Historical Consciousness and Didactics of History Related to World War II, Bielefeld 2011, S. 77-90.

Esskultur und nationale Identität – das Beispiel Dänemark

Bereits nach der Lektüre des sehr lesenswerten Buches »Dänemark« (in der Reihe »Die Deutschen und ihre Nachbarn«, herausgegeben von Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker) von Bernd Henningsen stolperte ich immer wieder über die gleichen Fragen, die sich unser nördlicher Nachbar stellt: Was ist Dänisch? Was macht die dänische Identität aus?

Die gleiche Fragestellung tauchte auch während einer dreiwöchigen Summer School in Süd-Jüdland, an der ich letztes Jahr teilnahm, fast täglich im Unterricht auf. Ständig wurden die Teilnehmer an den Unterschied zwischen »national« und »nationalistisk« erinnert. Die Betonung lag besonders stark auf dem positiven Aspekt des Nationalen. Damit war gemeint, dass man sich als Däne (bzw. als Dänemark-Interessierter) immer wieder über die eigene nationale Identität bewusst sein sollte. In diesem Zusammenhang wurden die gleichen Pfeiler der dänischen Identität genannt: 1864 (Die Niederlage gegen Truppen des Deutschen Bundes unter preußischer und österreichischer Führung bei den Düppeler Schanzen. Diese Niederlage wurde später als Sieg für die nationale Identitätsfindung umgedeutet), Frederik Grundtvig und sein Ideal der Volksbildung, sowie die Werke Søren Kierkegaards. Diese Aufzählung könnte sicherlich noch lang fortgeführt werden. Mir kommt es aber darauf an, hinzuweisen, dass die Frage nach der dänischen Identität entweder mit historischen Ereignissen, philosphischen Werken oder Kunsterzeugnissen beantwortet wurde. Neu ist für mich, dass mittlerweile die dänische Küche – ähnlich wie in Ländern Südeuropas – auch dazu gehört!

Im Leitartikel der europäischen Ausgabe des TIME Magazines (13/2012, 26. März 2012) wird der dänische Koch und Inhaber des “besten Restaruants der Welt” NOMA, René Redzepi, als Mitbegründer der neuen skandinavischen Cuisine – die sogenannte New Nordic Kitchen – porträtiert. Unter anderem zitiert die Autorin des Artikels, Lisa Abend, den dänischen Kulturminister Uffe Elbæk mit folgenden Worten:

»When he [R. Redzepi, Anm. RZ] started, we were all thinking, Is there really anything to eat here? […] But René has helped elevate food to the same level as fashion, and it’s affected our whole identity. He’s telling a new story about what it means to be Danish.« (s. 36)

Somit wird der Essenskultur offiziell eine identitätsstiftenden Funktion unterstellt. Darin erkenne ich den fortwährenden Drang der Dänen sich immer wieder ihrer eignen Identität bewusst zu werden und sich somit auch gegenüber den Nachbarn im Norden und Süden zu positionieren. Ähnliches lässt sich auf dem Gebiet der (Stadt-)Architektur (Stichwort Copenhagenize) und dem Möbeldesign (Hans J. Wegner, Fritz Hansen etc.) erkennen. Der Identitätsbegriff einer Nation wird dadurch weiter verbreitert und verkommt gleichzeitig zu einer Marke, die es gilt zu vermarkten und zu verteidigen. Meine These lautet also, dass der Identitätsbegriff sich am Beispiel Dänemarks in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat. Waren noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit die historische Deutung (darunter die Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs) auschlaggebend, kommt heute eine ökonomische Erweiterung der nationalen Identität in Form der Vermarktung eines nationalen Qualitätslabels (Esskultur, Design) hinzu.

Für Deutschland gilt ähnliches. Hier sei nur auf die heftige Kritik der deutschen Politik und Wirtschaft an die Inititaive der EU-Kommission zur Einführung des Produktionshinweises »Made in EU« und die damit gleichbedeutende Abschaffung des “Made in Germany” verwiesen.

Der Zweite Weltkrieg in Skandinavien in deutschen Lehrbüchern – 1961 und heute

Ein Besuch auf der Leipziger Buchmesse hat mich auf eine Literaturgattung aufmerksam gemacht, die oft Gegenstand harter – und oft grenzüberschreitender – Auseinandersetzung über die “richtige” Geschichtsdarstellung gewesen ist: Lehr- und Geschichtsbücher. Während ich an einer Vielzahl von Lehrbuchverlagen vorbeiging, erinnerte ich mich an einen Zeitungsarikel der norwegischen Aftenposten aus den frühen 1960er Jahren. Darin forderte der Autor – ganz nach dem Titel des Artikels »Hårdt tiltrengt revisjon av lærebøkene i de tyske skoler« (21. Januar 1961) – eine Korrektur der deutschen Geschichtsbücher. Unter anderem kritisierte der Artikel “die unkorrekte Darstellung des Überfalls [auf Norwegen und Dänemark 1940, Anm. RZ]” sowie die apologethische Erklärung zur Besetzung der nordischen Nachbarn. Auf besonderes Unverständnis stieß das völlige Weglassen von detaillierteren Schilderungen zum deutschen Terror und dem Besatzungsregime in Norwegen.

Dies habe ich zum Anlass genommen, mir die aktuellen Lehrbücher zweier großer Verlage auf genau diese Kritik hin anzuschauen. Ich wollte wissen, wie der Überfall auf die skandinavischen Länder während des Weltkrieges in den heutigen Schulbüchern dargestellt wird und welchen Umfang die Beschreibung der anschließenden Besatzungsherrschaft einnimmt.

Vorweg sollte ich noch erwähnen, dass die beiden Beispiele weder repräsentativ für alle Geschichtsbücher auf dem deutschen Büchermarkt sind, noch dem stark förderalen Bildungssystem der Bundesrepublik mit all seinen verschiedenen Lehrplänen Rechnung tragen. Mir kommt es daher eher auf die Tendenzen der Aussagen als den genauen Wortlaut an.

Das erste Werk, das ich mir anschaute, war Geschichte und Geschehen, Oberstufe Gesamtband des Klett-Verlags. Hier wird der Überfall (und nur dieser) in drei Zeilen abgehandelt. So heißt es unter der Überschrift Deutschlands Führung verrechnet sich in Europa:

“Um sich wichtige Rohstoffe für die Rüstungsindustrie gegen einen möglichen britischen Zugriff zu sichern (schwedisches Eisenerz), überfiel Deutschland im April 1940 die neutralen Staaten Dänemark und Norwegen.” (S. 426)

Weitere Verweise auf das Besatzungsregime habe ich nicht gefunden (kann diese aber auch nicht 100% ausschließen, schließlich konnte ich die Lehrbücher nur an einem Messestand durchsehen).

Als Vergleichsexemplar habe ich das Geschichtslehrbuch Kursbuch Geschichte (Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern) des Cornelsen-Verlages herangezogen. Unter den Unterpunkt Eroberungs- und Besatzungspolitik heißt es wieder auf drei Zeilen [sic]:

“Bevor das Deutsche Reich seine Offensive im Westen eröffnete, besetzte die Wehrmacht Dänemark und Norwegen, um die Nordflanke sowie die für die Kriegsführung notwendige Versorgung mit Erzen abzusichern.” (S. 449)

Wieder konnte ich keine Hinweise auf die eigentliche Besatzung oder wenigstens einen Verweis auf weiterführende Informationen entdecken. Stattdessen dominieren in den Geschichtsbüchern die Geschehnisse an der Ost- und Westfront. Skandninavien wird mehr oder minder ausgeklammert bzw. nur am Rande erwähnt.
Leider hatte ich bisher keine Möglichkeit diese Textstellen mit anderen deutschen Lehrbüchern aus den ersten Nachkriegsjahrzehnten zu vergleichen.

In Anbetracht der Fülle an Material, das die Autoren in nur wenigen Seiten überblicksartig darzustellen versuchen, ist die Kürze der Beschreibung nicht überraschend. Dennoch laden auch heute noch die deutschen Lehrbücher zur gleichen Kritik ein, die bereits vor über 50 Jahren im Aftenposten-Artikel aufgeführt wurde. Zumindest findet man keine Anspielung auf die “Race-to-Scandinavia”-These allá Walther Hubatsch (siehe letzter Post). Leider versäumen auch heutige Geschichtsbücher, auf die Rolle des Zweiten Weltkriegs für die Selbst- und Deutschlandwahrnehmung unserer skandinavischen Nachbarn einzugehen. Im Allgemeinen sollten die Deutschlandbilder unserer unmittelbaren Nachbarn im Unterricht Einzug halten, um die nationale Nabelschau im Geschichtsunterricht weiter entgegenzuwirken und ein europäisches Geschichtsverständnis zu fördern.

Weniger überraschend, aber nicht minder enttäuschend ist die fehlende Differenzierung zwischen den Besatzungsverläufen in Norwegen und Dänemark. Dies ist eine Disparität, auf die in beiden Ländern großen Wert gelegt wird und in Deutschland zu oft unterschlagen wird. (1)

(1) Vgl. Dahl, Hans F., et al. (Hrsg.): Danske tilstander, norske tilstander – Forskjeller og likheter under tysk okkupasjon 1940-45, Oslo: Forlaget Press, 2010.